#1 Neuer Wirkstoff kann Alzheimer stoppen von Brini 02.10.2008 16:49

Forscher aus Halle feiern einen Erfolg im Kampf gegen Alzheimer. Aber die vielversprechenden Resultate beruhen lediglich auf Studien an Tieren. Alzheimer-Experten und Patientenverbände warnen vor verfrühter Euphorie.

An der unheilbaren Krankheit Alzheimer leiden in Deutschland bis zu eine Million Menschen. Fieberhaft untersuchen derzeit weltweit rund 10.000 Forscher Ursachen und Therapieoptionen der Alzheimer-Erkrankung - auf der Suche nach einem Heilmittel, das Millionen Menschen das qualvolle Leiden erspart und dem Hersteller sprudelnde Einnahmen beschert. Wissenschaftler um Hans-Ulrich Demuth vom Pharmaunternehmen Probiodrug in Halle berichten nun von einem Durchbruch in der Alzheimer-Forschung.

Ein neuer Wirkstoff könne das Entstehen der typischen Eiweiß-Ablagerungen zwischen den Nervenzellen des Gehirns fast vollständig unterbinden, schreiben sie im Wissenschaftsmagazin "Nature Medicine". Es gebe "sehr überzeugende Belege" dafür, dass sich damit das Entstehen und Fortschreiten der häufigsten Demenzerkrankung verhindern lasse.

Bislang rätseln Forscher über die Ursache der Erkrankung, bei der im Gehirn massenhaft Nervenzellen absterben. Als Kennzeichen von Alzheimer gelten sogenannte Plaques - große miteinander verklumpte Ablagerungen des Eiweißstoffes Amyloid-Beta. Diese Plaques sind den Hallenser Forschern zufolge gerade dann schädlich, wenn an ihnen ein Pyroglutamat-Rest haftet. Maßgeblich verantwortlich für das üble Anhängsel ist demnach das Enzym Glutaminylzyklase (QC).

Versuche mit genetisch veränderten Mäusen

Hemmten die Wissenschaftler bei genetisch veränderten Mäusen, die zu Alzheimer neigen, die Aktivität des Enzyms, so verhinderten sie die Bildung der Plaques. Gleichzeitig stieg die Lernleistung der Tiere im Vergleich zu ihren unbehandelten Artgenossen.

Dies sei ein ganz neuer therapeutischer Ansatz, betont der Alzheimer-Forscher Thomas Bayer von der Universität Göttingen. Bislang werde Alzheimer allenfalls symptomatisch behandelt. Der Enzymhemmer könne der erste Schritt zu einer kausalen Therapie sein. Könnte man bei den ersten Zeichen der Erkrankung die Aktivität des QC-Enzyms um 30 bis 40 Prozent drosseln, so lasse sich die Krankheit eventuell um fünf bis zehn Jahre hinauszögern. "Das würde die Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessern", betont der Experte, der Probiodrug wissenschaftlich berät. Im günstigsten Fall lasse sich der Verfall der Nervenzellen womöglich sogar komplett stoppen.

Lutz Frölich vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit mahnt dagegen zu Vorsicht. Der Mechanismus, der zum Absterben der Nervenzellen führt, sei noch immer ungeklärt. Frölich glaubt, dass die Nervenzellen nicht durch die großen Eiweißablagerungen absterben, sondern durch deren kleinere Vorläufer. Diese sogenannten Oligomere, die nur aus drei bis sechs Amyloid-Beta-Einheiten bestehen, stören demnach den Stoffwechsel der Zellen. Wenn ein Wirkstoff den Verklumpungsprozess der Eiweißstoffe hemme, könne dies möglicherweise auch bedeuten, dass verstärkt die kleineren und vermutlich schädlicheren Formen entstünden.

Dass die mit dem Wirkstoff behandelten Mäuse in der Studie lernfähiger waren, ist für Frölich zwar ein Indiz für einen Nutzen, aber beileibe kein Nachweis. "Tiermodelle geben nie das ganze Erkrankungsspektrum wider, sondern nur einzelne Aspekte", mahnt der Forscher. Schon oft hätten Tierstudien vielversprechende Resultate geliefert, die sich dann beim Menschen nicht bestätigt hätten.

"Keine überzogenen Hoffnungen wecken"

Auch der Göttinger Forscher Bayer sagt, bisher habe der neue Ansatz nur die erste Hürde genommen. Nun müsse die Sicherheit beim Menschen geprüft werden. Auch hier sind Zweifel angebracht: Das Enzym QC ist an vielen Prozessen des Körpers entscheidend beteiligt, etwa an der Reifung von Geschlechtshormonen. Schließlich müsse man dann die Wirkung beim Menschen prüfen. Dieses Vorgehen dauert Demuth zufolge mindestens noch sieben Jahre. Angesichts der Unwägbarkeiten mahnt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft zu Zurückhaltung: "Man sollte vorsichtig sein und keine überzogenen Hoffnungen wecken."


Quelle: rp-online

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